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Organisator Dr. William Boehart zum Geesthachter Lessing-Jahr 2008:
|  | | Dr. Boehart rannte mit seinem Anliegen offene Türen ein – und stellte mit seinen Partnern rund 20 Veranstaltungen auf die Beine. | (ea) Geesthacht – Initiative ist nicht zu unterschätzen, wie das Geesthachter Lessing-Jahr beweist. Zwischen dem Jahr 2008 und Lessings biografischen Daten gibt es keinen offensichtlichen Zusammenhang. „Den brauchen wir auch nicht“, sagt Dr. William Boehart – „das Thema Toleranz und ‚Kampf der Kulturen’ liegt einfach in der Luft. Wir brauchen eine zweite Aufklärung“, fordert der Historiker und Ideengeber der Veranstaltungsreihe.
Kurze Frage zu Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781), den viele als Theaterdichter kennen, als Autor von „Emilia Galotti“, „Minna von Barnhelm“ oder „Nathan der Weise“. kennen. Wie hängen Lessing und die Politik der Aufklärung zusammen, Herr Dr. Boehart?
Dr. Boehart: Lessing war sozusagen die Speerspitze der Deutschen Aufklärung. Er hat die Thematik der Toleranz, Humanität und persönliche Freiheit am tiefsten durchdacht, hat sie am besten verstanden und in seinen Streitschriften und Theaterstücken vermittelt. Er trat vehement für Gedanken- und Religionsfreiheit ein, stand jeder ideologischen Lehre äußerst kritisch gegenüber. Das Bürgertum oder einen edlen Juden wie Nathan zur Hauptperson eines Theaterstücks zu machen, war im 18. Jahrhundert absolut revolutionär.
 | | Der aus dem sächsischen Kamenz stammende Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781) steht im Mittelpunkt der Geesthachter Veranstaltungsreihe. | | Was möchten Sie mit Ihrem Lessing-Jahr erreichen?
Dr. Boehart: Wir möchten den aktuellen Kern der Lessingschen Politik herausarbeiten und darstellen. Damit soll in unserer Gesellschaft ein Gespräch über die „Politik der Aufklärung“ freigesetzt werden, nach dem Motto: Wir sind nicht da, um die Welt zu verstehen, sondern um sie zu verändern. Dabei wollen wir auch Spaß haben, denn das Spiel mit den Gedanken ist äußerst reizvoll. Daher das vielfältige Angebot aus allen Bereichen der Kultur.
Was ist denn der Kern Lessingscher Politik?
Dr. Boehart: Lessing selbst hat gesagt: Der Mensch ist nicht zum Vernünfteln da, sondern zum Handeln. Eine absolute Wahrheit gibt es nicht, sagt Lessing. In jeder Ideologie steckt ein gutes Stück Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, aber nur mit Toleranz kann der Mensch zu sich selbst finden. Die Problematik einer intoleranten Gesellschaft war im 18. Jahrhundert genauso aktuell wie heute – kein Wunder, dass der aufbegehrende Lessing viele Feinde hatte. Im 21. Jahrhundert leben wir in einer Zeit, in der Kulturen gegeneinander kämpfen – und im Zuge der Globalisierung rückt alles näher. Auch wir sollten lernen, das Aufeinanderprallen der Kulturen in einem friedlichen Dialog zu verwandeln. Die eleganteste Definition der Aufklärung lautet: ‚Das Gespräch unter Freunden’. Wie werden die Menschen einander Freunde? Hierzu hat Lessing einiges zu sagen gehabt.
|  | | „Lessing tut Noth“ – das Logo steht als Symbol für eine erdumfassende Aufklärung. | Wie weit hat diese Idee die Verwirklichung des Lessing-Jahrs beeinflusst?
Dr. Boehart: Ich habe offene Türen eingerannt. Alle, denen ich davon erzählt habe, waren begeistert von der Idee, Lessing auf die Gegenwart zu übertragen und damit quasi eine neue Aufklärung „ohne Staub“ zu propagieren. Viele für uns heute selbstverständliche und beinahe banale Dinge sind Ergebnisse der Aufklärung im 18. Jahrhundert: Ich nenne nur Straßenbeleuchtung, Blitzableiter und Impfungen.
Welche Art von Veranstaltungen dürfen wir erwarten? Viel Akademisches?
Dr. Boehart: Natürlich sind auch Akademiker dabei, die fundierte Informationen bereitstellen. Unser Programm soll das Thema Aufklärung und Toleranz aber in ganz unterschiedlichen Formen transportieren: durch Vorträge, Musik, Kunstaktionen, eine Ausstellung, Theaterprojekte, Lesungen, Kino und eine Exkursion nach Hamburg. Noch in der Planung ist ein Rockkonzert im Geesthachter Hafen. Wir zielen mit unserer Reihe über die Grenzen Geesthachts hinaus, hoffen auch auf Besucher aus dem Hamburger Raum – und vielleicht sogar auf kulturell interessierte Touristen.
 | | Eine von Erich Schmidt gestaltete Statue von Nathan vor dem Lessing-Haus in Wolfenbüttel, wo Lessing als herzöglicher Bibliothekar arbeitete. | | Wer macht denn alles mit?
Dr. Boehart: Aus Geesthacht das Krügersche Haus, die Stadtbücherei und die Stadtbuchhandlung, das Kleine Theater Schillerstraße, die Jugendpflege, die Filmkiste, die Volkshochschule, die Agenda 21 Tolerantes Geesthacht und das Otto-Hahn-Gymnasium. Mit im Boot sind außerdem die Künstler des Lauenburgischen Kunstvereins, die Hamburger Lessing-Gesellschaft, der Filmclub Ratzeburg, das Kreisjugendamt, die Freie Lauenburgische Akademie für Wissenschaft und Kultur und die Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption Kamenz. Als Sponsor konnten wir die Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg gewinnen. Unsere bekanntesten Teilnehmer sind die Krimiautorin Petra Oelker – sie liest aus einem Roman, der in der Lessing-Zeit spielt – und der Hamburger Philologe, Literaturwissenschaftler und Mäzen Professor Dr. Jan-Philipp Reemtsma.
Einige Veranstaltungen drehen sich um die Freimaurerei, auch die Hamburger Lessing-Gesellschaft ist aus einer Freimaurer-Loge entstanden. Was hat Lessing damit zu tun?
Dr. Boehart: Lessing wurde in eine Freimaurerloge in Hamburger aufgenommen. Das Freimaurertum war im 18. Jahrhundert eine neue Einrichtung, die Logen bildeten eine Art Geheimzellen der Aufklärung. Lessing selbst soll nach seiner Aufnahme in die Loge enttäuscht gewesen sein – die Freimaurer waren ihm nicht radikal genug. Von Lessings Denkart brauchen wir mehr –die Revolution fängt dieses Jahr in Geesthacht an.
Was meinen Sie mit „Revolution“? Das hörst sich provokativ, gar gefährlich an?
Dr. Boehart: Der Begriff ist natürlich etwas ironisch gemeint. Eine Revolution im landläufigen Sinne ist auf jeden Fall nicht gemeint. Lessing hat einmal gesagt: ‚Was Blut kostet, ist selten Blut wert’. Es geht zunächst um eine „Revolution im Kopf“, die sich dann in konkretem Handeln ausdrückt. Dies wird am anschaulichsten in Lessings Dialog zwischen Ernst und Falk, mit dem wir das Lessing-Jahr abschließen. Ich denke, es enthält einige Überraschungen.
(Foto: Albrecht)
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